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Clarissa von Platen
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Frühling im Hochmoor


Frühling im Hochmoor



Es hat wieder stark geregnet, langsam taut das Moor aus der Winterstarre auf. Der strenge Frost im Januar hat es mehrere Meter tief durchfrieren lassen, und jetzt wird es noch Monate dauern, bis der ganze Moorkörper wieder elastisch und weich ist wie ein Schwamm. Dieser Prozess verläuft deshalb so langsam, weil der Torf die Sonnenenergie nur schlecht an die darunter liegenden Schichten weiterleiten kann. Die Oberfläche wird warm, während es in tieferen Lagen sehr kalt bleibt. Da die Wärme wieder abstrahlt und Nachschub von unten wegen der isolierenden Torfschicht nicht möglich ist, kann es sogar im Sommer im Moor zu Nachtfrösten kommen. Temperaturschwankungen an der Oberfläche zwischen Tag und Nacht von 4 bis 40°C sind keine Seltenheit und nur eines der verblüffenden Phänomene eines Hochmoors.



Über ein intaktes Hochmoor zu wandern, ist allenfalls im Winter möglich, wenn genug Schnee liegt, um Loipenspuren zu legen, in anderen Jahreszeiten ist das Moor tabu. Ich kenne ein Hochmoor im Voralpenland, das an seinem Rand von einem Bach begrenzt ist. Ein Wanderweg, der auch als Wirtschaftsweg der Bauern genutzt wird, folgt seinem Ufer über mehrere Kilometer. Auch bei zunehmendem Licht im Frühling ist es dort schattig, der hohe Fichtenwald, durchmischt von einigen Laubbäumen, grenzt unmittelbar daran, der Waldboden ist grün vermoost, Flechten hängen an den Zweigen, Findlinge türmen sich zu unheimlichen Gestalten auf, ab und zu blitzt ein Sonnenstrahl durchs Geäst. Es ist feucht und kalt, obschon wir März haben. Nur ab und zu der Flügelschlag eines großen Vogels, sonst ist alles ruhig, der weiche Boden schluckt das Geräusch der Tritte. Der Weg folgt dem gewundenen Lauf des Baches, er ist etwa 3 Meter breit und gibt so gut wie keinen Laut von sich. Ich trete an sein Ufer und beobachte, wie das moorbraune Wasser in mäßigem Tempo seinen Weg sucht, was an dem geringen Gefälle liegt und sicherlich an den mäandernden Windungen des Baches. Bäume und Sträucher säumen seine Ufer zu beiden Seiten, an überhängenden Stellen ahne ich, dass hier Regenbogenforellen gegen den Strom stehen und auf Beute warten, hin und wieder liegt ein morscher Ast im Wasser, Steine kann ich nicht ausmachen. Und da höre ich sie zum ersten Mal, die Stimme. Sie hat nichts zu tun mit dem Tosen eines Wasserfalls, mit dem reißenden Rauschen eines Gebirgsbaches, auch nichts mit dem trägen Wallen eines Stromes oder dem aufgeregten Geplätscher eines Wiesenbächleins. In der Stimme des Baches am Rande des Moors liegt so etwas wie ein sanftes Schmeicheln, es ist fast wie eine Berührung und nahezu unhörbar. Nur durch mein Zusehen wird das feine Geräusch vernehmbar, wird zunehmend deutlicher hörbar und verschafft sich langsam Zugang zu meinen Sinnen, denn es ist nicht nur mein Gehör, das dieser raunende, murmelnde, sanfte Klang erreicht. Unerhört leise und wie von weit unten dringt er in mein Bewusstsein vor und erfasst mein Gemüt so weich und tief, dass ich wie verzaubert noch eine gute Weile an dieser Bachbiegung stehen bleibe und dem langsamen Fliessen des Wassers nachsinne. Der Ton macht die Musik, auch hier am Moorbach ist das so, und er hat mich bewegt und Interesse in mir geweckt, für ihn, den Ton, für den Bach und das Moor.



Später sollte ich staunend erfahren, dass Hochmoore auch deshalb Regenmoore genannt werden, weil sie sich ausschließlich aus Niederschlägen versorgen und weder Zuflüsse noch Abflüsse haben, dass sie aufgrund der Torfbildung in die Höhe wachsen und daher auch Hochmoore heißen, dass ihre Entwicklung Jahrtausende dauerte und der Zuwachs an Torfsubstanz nur etwa einen Millimeter im Jahr beträgt. Für die Bearbeitung meiner Blumenbeete ist Torf jetzt endgültig von der Einkaufsliste gestrichen. Die Entstehung der Moore im bayerischen Alpenvorland begann nach der letzten Eiszeit vor 10 bis 15 000 Jahren, seither hat sich ihre unvorstellbar lange, aber umso spannendere Entwicklungsgeschichte vollzogen, und sie dauert noch immer an. Das Moor hat Zeit.


Überraschend ist, welch ausgeklügeltes Regulierungssystem für seinen Wasserhaushalt das Hochmoor besitzt, dass sein Torfkörper je nach Niederschlagsmenge quellen und bei trockener Witterung schrumpfen kann, dass die Moose fähig sind, mehr als das 30fache ihrer Trockenmasse zu speichern, wie sich vor allem Pflanzen bei der extremen Armut an Mineralsalzen und dem niedrigen ph-Wert des Lebensraums zu einzigartigen Spezialisten entwickelt haben. Das weiß vielleicht jeder aus dem Biounterricht, aber mehr, Details, Zusammenhänge und Vernetzung? Der Klang am Bach macht mich nachdenklich und neugierig zugleich, denn seine Melodie ist von unergründlicher Ruhe und Gelassenheit, die wie aus der Tiefe der Zeit emportönt, ein Schlüsselerlebnis für künftige Nachforschungen über die Geheimnisse der von mir bisher eher als unheimliche und romantisch verstandenen Welt der Moore.



Mein Weg am Bach führt mich schließlich auf eine Lichtung. Die Sonne blendet nach dem obskuren Licht im Wald, es weht ein leichter Südwind, er trägt den Duft von Märzenbechern, nüchtern auch Frühlingsknotenblumen genannt, über die Wiese, und als die Augen ans Licht gewöhnt sind, sehe ich sie: weiß wie Schnee bedecken sie große Flecken am Bachrand, die Glöckchen sind an ihren Blattspitzen mit gelben Punkten dekoriert und schwingen in der Brise. Auf der Wiese ist der Schnee noch nicht vollständig weggetaut, an den aperen Stellen liegt das Gras braun und niedergedrückt am Boden, einige Maulwurfhügel und offene Mäusegänge verraten das Leben unter der Erde. Bald wird es auch oben wieder pulsieren.


 ©Clarissa von Platen